Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden

Europa steht vor der Herausforderung, die Digitalisierung voranzutreiben. Aber wie sieht es mit den dafür notwendigen Rahmenbedingungen aus?

Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden – oder, wie Telekom-Chef Timotheus Höttges es auf einem BITKOM-Forum Anfang des Jahres in Berlin auf den Punkt brachte: „Alles, was vernetzt werden kann, wird vernetzt“. Nicht zuletzt mittels Big Data, also der Analyse großer Datenmengen in Echtzeit und dadurch bedingter neuer Erkenntnisse, erfolgt eine Individualisierung von Produkten bis hin zur Selbststeuerung von Maschinen in der Produktion oder autonomer Fahrzeuge in der Landwirtschaft.

Die Entwicklung ist nicht zu stoppen

Das Internet der Dinge hält unaufhaltsam Einzug in unser Leben. Sicherlich kann man geteilter Meinung sein, ob der kommunizierende Kühlschrank oder das selbstfahrende Auto eine Bereicherung für unseren Alltag darstellen. Allein aufhalten kann man diesen Trend nicht. 2020 wird der Umsatz, der durch die Kommunikation der Maschinen erzielt wird, bei mehr als sechs Billionen Euro liegen. Zu diesem Zeitpunkt wird eine große Anzahl der elektronischen Produkte digital sein – vernetzt und kommunizierend.

Welche Auswirkungen hat der Wandel der Prozesse auf unsere Gesellschaft – vor allem ökonomisch und in Hinblick auf die Wertschöpfung? Die Veränderungen werden gravierend sein, können aber mit positiven Effekten für den Großteil der Gesellschaft gestaltet werden. Der Anspruch muss lauten, große Anteile der Wertschöpfung in Deutschland und Europa zu halten. An dieser Stelle möchte ich mich einem Zitat von Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt anschließen: „Wer Wachstum von Daten entkoppeln will, wird unsere Gesellschaft vom Wohlstand entkoppeln.“ Zur Wohlstandssicherung ist es allerdings auch zwingend notwendig, das Thema Datenschutz auf den Prüfstand zu stellen.

Der gläserne Mensch als Schutzschild?

Zurzeit wird eine intensive Diskussion über den Datenschutz geführt. Betrachten wir das Beispiel Facebook. Sicherlich ist es notwendig, dass es einen Mindestschutz der Privatsphäre gibt. Aber Facebook zeigt deutlich, dass von Nutzerseite aus kein Tsunami der Empörung zu erwarten ist. Im Gegenteil: Die meisten Nutzer arrangieren sich mit dem Unvermeidbaren und akzeptieren die Datenschutzrichtlinien. Dies bestätigt den Eindruck, dass die Baseline für Datenschutz eine subjektive Größe darstellt. Der Wertebereich des Persönlichkeitsschutzes ist höchst individuell. Die Unkenrufer kritisieren die Entwicklung zum gläsernen Menschen, aber die Masse interessiert es nicht. Daraus lässt sich die Frage ableiten, wann der gläserne Mensch zur Gefahr für das Individuum wird, und ob dieses nicht in der Lage ist, sich selbst zu schützen. Niemand wird gezwungen, Facebook, WhatsApp, Google und Co. zu nutzen. Es könnte auch der Eindruck entstehen, dass der Ruf nach Datenschutz von den Konzernen nur deshalb so deutlich zu hören ist, um die ungeliebte Konkurrenz aus dem nichteuropäischen Ausland mittels Reglementierung nicht noch weiter enteilen zu lassen. Nachdem die Digitalisierung in den meisten Chefetagen der europäischen Wirtschaftselite in der Vergangenheit stiefmütterlich behandelt, wenn nicht sogar verschlafen wurde.

Einheitliche Rahmenbedingungen

Um die Digitalisierung voranzutreiben, ist neben dem (schnellen) Breitbandausbau die Schaffung eines einheitlichen europäischen Telekommunikationsmarktes, des sogenannten TSM (Telecom Single Market) notwendig – über nationale Grenzen hinweg und ohne Roaming. Dieser muss in einem Kontext geschaffen werden, in dem weiterhin ein fairer Wettbewerb möglich ist. Denn um die Geschäftsmodelle der digitalen Welt von heute und morgen zu sichern, muss eine solide Anzahl von Telekommunikationsanbietern in der Lage sein, in die notwendige Modernisierung der Netzinfrastrukturen zu investieren. Dazu muss auch die Netzneutralität intensiver betrachtet werden.

Starke IKT-Branche notwendig

Die IKT-Branche erwirtschaftete in Deutschland zuletzt 150 Milliarden Euro und ist die Basis für den Erfolg weiterer Branchen. Die Digitalisierung Europas, unter Berücksichtigung von Wohlstands- und Sicherheitsaspekten, ist nur mit einer starken IKT-Branche möglich. Europa hat die Kraft und das Innovationspotenzial, um den Vorsprung einzuholen, den die USA und Co. derzeit haben – sowohl bei der Digitalisierung etablierter als auch bei der Schaffung neuer Geschäftsmodelle. Mut macht diesbezüglich auch Roberto Viola, Stellv. Generaldirektor, Generaldirektion Kommunikationsnetze, Inhalte und Technologien der Europäischen Kommission. Er verweist auf das Beispiel Airbus: Hier gelang es, durch eine länderübergreifende europäische Zusammenarbeit in den lange Zeit von den USA dominierten Markt des Flugzeugbaus einzugreifen und das Mono- in ein Duopol zu verwandeln.

Allerdings erfordert dieses Zukunftsszenario mindestens zwei weitere zentrale Voraussetzungen: Zum einen ist es notwendig, den hiesigen IKT-Mittelstand zu unterstützen und Dienstleistungsaufträge nicht aus kurzfristigem Ertragsdenken heraus offshore zu vergeben. Zum anderen muss insbesondere der Mittelstand im Gegenzug sein Innovationpotenzial abrufen und fördern. Denn nur, wenn die Erträge in einem gesunden Maße in neue digitale Geschäftsmodelle reinvestiert werden, kann der Vorsprung aufgeholt werden.

 

Bildquelle: Shutterstock

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