Im Schatten der USA – hat Deutschland die Digitalisierung verschlafen?

Blickt man einige Jahre zurück, so galt Deutschland immer als ein Land mit Innovationskraft. Großer Erfindergeist und der Drang nach Neuerungen prägten die Wirtschaft und ermöglichten oftmals auch Start-ups den Sprung an die Spitze. Dennoch liegt Deutschland beim Thema Digitalisierung inzwischen zurück und steht im Schatten der USA. Doch woran liegt das eigentlich?

Ein Paradebeispiel für die unterschiedliche Handhabung mit Auswüchsen der Digitalisierung in Deutschland und den USA ist der allseits bekannte Transportservice Uber. Das Start-up-Unternehmen wurde in San Francisco gegründet und vermittelt Kunden über eine App Autofahrten, die bequem per Kreditkarte oder PayPal bezahlt werden können. Während das Landgericht in Frankfurt am Main aufgrund fehlender Beförderungsgenehmigungen der Fahrer ein Verbot gegen die App verhängte, erfreut sich Uber in den USA noch immer großer Beliebtheit. Warum? Weil es erschwinglich, schnell und unkompliziert ist. Was den Service für die Kunden so attraktiv macht, ist, dass die Konkurrenz meistens schlichtweg teurer (und unzuverlässiger) ist. Der Grund, warum eine Uber-Fahrt nicht so zu Buche schlägt wie eine normale Taxifahrt, ist simpel: Uber-Fahrer sind für ihre Steuerabgaben selbst verantwortlich. Ob sie diese letztendlich bezahlen oder lieber für sich behalten (was natürlich illegal ist), ist den Verantwortlichen von Uber – auf gut Deutsch gesagt – völlig egal.

Amerikanische Firmen sind Teil des Fortschritts

Viele amerikanische Unternehmen wissen um die Risiken von Uber und weisen ihre Angestellten an, nur den offiziellen Taxiservice zu nutzen. Dennoch gibt es Ausnahmen, wie zum Beispiel Morgan Stanley. Die Bank hat Uber in ihre Reiserichtlinien integriert und empfiehlt ihren Mitarbeitern, den Service für Geschäftsreisen zu nutzen. Auch Concur setzt seit Juli 2014 auf Uber. SAS duldet den Transportservice und freut sich über die Einfachheit der Abrechnung: die Rechnung kommt per E-Mail, per Kreditkarte wird bezahlt – sprich keine Zettelwirtschaft für den Reisenden. Außerdem wird Betrug – in den USA wird oftmals nur eine Blanko-Quittung ausgegeben – vorgebeugt. In Deutschland scheint eine solche Öffnung gegenüber Uber momentan undenkbar, gilt das Unternehmen doch als Aushängeschild für unlauteren Wettbewerb.

In Deutschland ist man kritischer

Dass Uber-CEO Travis Kalanick “Ellenbogen-Wirtschaft” betreibt und verhängte Verbote gerne auch mal ignoriert, kommt in Deutschland nicht so gut an wie in den USA. Die Taxibranche ärgert sich über die Methoden der Konkurrenz und kritisiert die fehlende Versicherung im Schadensfall. Außerdem würden Fahrer nicht ausreichend geprüft und stellten ein Sicherheitsrisiko für den Kunden dar. Sieht man sich die Richtlinien von Uber einmal genauer an, so wird schnell deutlich, dass mehr oder weniger „jeder mit einem gültigen Führerschein und einem Auto” als Fahrer für den Service arbeiten kann. Für mehr Sicherheit versucht das Unternehmen aktuell mit einem neuen Panikknopf in der App zu sorgen, Tests in Indien laufen bereits. Man kann darüber streiten, ob die Anschuldigungen gerechtfertigt sind, oder nur einen verzweifelten Schrei der Taxiindustrie darstellen, die in puncto Innovation und Kompetenz verschlafen hat. Fest steht, dass in Deutschland ein großer Nachholbedarf herrscht, der nicht ignoriert werden sollte – bringt die Digitalisierung der Wirtschaft doch viele Vorteile mit sich.

Hat Deutschland den Anschluss verpasst?

Auch wenn der Fortschritt Chancen schafft, so fürchten viele die Schattenseiten der Digitalisierung. Im Fall von Uber bedeutet dies, dass rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden müssen, die für ausreichenden Schutz der Kunden sorgen und die Verantwortlichen im Schadensfall zur Verantwortung ziehen können. Neue Geschäftsmodelle und Firmen entwickeln sich in einem rasanten Tempo und benötigen eine Anpassung bestehender Regelungen, um einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen. Auch das Preisdumping, welches im Zusammenhang mit der Sharing Economy (Uber, Airbnb etc.) oft zur Sprache kommt, stellt eine der Herausforderungen dar, die es zu bewältigen gilt. Deshalb ist es unabdingbar, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen innovative Unternehmen gedeihen können und Deutschland den nötigen wirtschaftlichen Fortschritt ermöglichen.

Bitter nötig ist dieser auch in traditionellen Industriezweigen: Lange Zeit schienen die deutschen Unternehmen vor allem im Maschinenbau den Amerikanern weit voraus zu sein. Aber die Zeiten haben sich gewandelt: Gerade im Bereich der technischen Software sind uns die USA heute überlegen. Deutschland verliert den Anschluss und muss plötzlich Rückstände aufholen. Es ist an der Zeit, die Innovationsbremse zu lösen – den Staub abzuwischen, sich aufzurappeln und in die Gänge zu kommen. Und zwar bevor langwierige Abstimmungsprozesse und die Furcht vor Innovationen Deutschland noch weiter nach hinten werfen.

Ihre Meinung ist gefragt!

Meine Einschätzung ist nach rund zehn Jahren in den USA sicher stark vom „American Way of Life“ geprägt. Deshalb frage ich Sie: Hat Deutschland sich zu lange auf seinen Lorbeeren ausgeruht und die Digitalisierung dadurch schlicht und ergreifend verschlafen? Sind die Deutschen im Vergleich zu den USA zu ängstlich und haben sie ihren Innovationsgeist verloren? Oder sehen Sie die Sache ganz anders?

 

Bildquelle: Shutterstock

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