Verschläft die Logistik die Digitalisierung?

Digitalisierung in der Logistik? Kann, soll, muss, wird… In der Theorie.

Der Begriff Digitalisierung ist in aller Munde. Man kann kaum ein Fachmagazin – sowohl aus der IT als auch aus jeder beliebigen anderen Branche – in die Hand nehmen, ohne nicht wenigstens einen Beitrag zu finden. Oft ist es sogar der Leitartikel. Neben den wachsenden fachlichen und informationstechnischen Anforderungen verdanken wir dies nicht zuletzt unserer Regierung, welche als größter Werbeträger für das Thema fungiert.

Dankenswerterweise ist Digitalisierung ein so weicher Begriff, dass sich jeder darunter vorstellen kann, was er möchte. Bemüht man jedoch eine Vielzahl von Quellen und Studien diverser großer Institute und Firmen, findet man immer wieder die gleichen Themen: Industrie 4.0, Cloud, Internet of Things, Big Data und Analytics bzw. Machine Learning. Nicht allzu überraschend kann man all diesen Studien noch eine weitere Botschaft entnehmen: jede Branche hat ein riesiges Potenzial oder anders gesagt: eine Menge Nachholbedarf.

… und in der Realität?

Doch wie steht es um die Digitalisierungseuphorie in Logistikunternehmen? Wenn ich den persönlichen Eindrücken meiner täglichen Arbeit glauben darf: sehr verhalten. Zwar entstehen bei den Branchengrößen nach und nach Leuchtturmprojekte unter der Flagge Industrie 4.0, meist sind dies jedoch nur Business-Intelligence- oder Data-Warehouse-Vorhaben (unter der Flagge von Big Data). Es werden massig Daten der Vergangenheit ausgewertet und ausgedruckt, um irgendwelche nachgelagerten Analysen durchführen zu können. Selbstverständlich losgelöst vom operativen Geschäft. Sozusagen Retro-Digitalisierung. Von einem automatischen Lernen aus der Vergangenheit oder einer direkten Optimierung des operativen Geschäfts keine Spur.

Bei den KMUs zeichnet sich ein anderes Bild: nämlich gar keines. Ein weißes Blatt Papier, wenn man sich die Geschäftsprozesshandbücher oder den IT-Bebauungsplan anschaut. Während das große Schlagwort Digitalisierung zwar alle schon einmal gehört haben, schrecken viele vor einer Vertiefung in die einzelnen Themen zurück: zu kompliziert für Nicht-IT-ler, zu zeitaufwändig, um sich neben dem operativen Tagesgeschäft damit zu beschäftigen, und außerdem – so die einhellige Meinung – zu teuer. Lohnt sich nicht.

Sparen an der Erkenntnis heißt sparen am falschen Ende

Es ist kein Geheimnis, dass die Logistikbranche unter massivem Kostendruck steht, vermutlich noch mehr als andere, die lauter klagen. Einführung von Tools für Big Data? Zu teuer! Analytics? Zu teuer! Die Kette lässt sich beliebig fortsetzen. Doch denkt man mal weiter, was kann die Digitalisierung eigentlich tun für die Logistik? Das einfachste Ziel ist erst einmal die Herstellung von Transparenz. Alles liegt digital vor und ist nicht mehr über unzählige Stapel, Papiere, Laufzettel etc. verteilt. Neben Transparenz ergeben sich durch den Verzicht auf die Zettelwirtschaft und die Vermeidung von Medienbrüchen automatisch erste positive Effekte auf die Effizienz.

Der beeindruckendste Medienbruch, der mir bisher bei einem größeren Logistiker untergekommen ist, war übrigens die manuelle Datenübernahme von System A nach System B: Ein Mitarbeiter beschäftigte sich am Tag mehrere Stunden damit, Daten aus einer Anwendung auf dem linken Bildschirm in eine andere Anwendung auf dem rechten Bildschirm zu tippen. Eigentlich eine relativ simple Rechenaufgabe, den ROI einer Schnittstelle zu berechnen.

Extrapoliert man dieses kleine Beispiel auf die gesamte Logistikkette, wird relativ schnell klar, dass durch die Digitalisierung dieser Kette deutliche Einsparpotenziale realisiert werden können. Sowohl durch die Automation als auch durch die Optimierung, nämlich dann, wenn Analytics-Tools Zusammenhänge aus den Daten herausziehen, die ein Mensch einfach nicht finden kann. Somit kostet die Digitalisierung nicht, sie spart.

Richtig rechnen zeigt den wahren Wert

Um etwas konkreter zu werden, möchte ich ein beliebtes Feld der Einsparung in der Logistik näher beleuchten: Transportkosten und -planung. Häufige Einsparpotenziale in diesem Umfeld sind Lohndumping, Verwendung alter LKWs oder Überladung. IT-Unterstützung gibt es hier schon lange, aber eine effektive, konsequente und durchgängige Nutzung dieser Tools? „Zu hohe Investitionskosten“, hört man hier oft.

Rechnen wir doch mal ein kleines Beispiel durch: Ein Unternehmen mit einem täglichen Ausliefervolumen von zehn LKW mit ungefähr zehn bis 15 Stopps und einer durchschnittlichen Fahrleistung von 200 Kilometern je Tour und einem branchenüblichen Kilometerpreis von 80 Cent. Hierdurch ergeben sich tägliche Transportkosten von 1.600 Euro. Ohne zu tief in die Theorie von Tourenplanungsalgorithmen einzusteigen zu müssen, lassen Sie uns konservativ annehmen, dass ein Computer die Verteilung der 100 bis 150 Stopps auf die zehn LKW durchschnittlich mit einer fünfprozentigen Einsparung auf den Tourkilometer hinbekommt. Somit wären dies pro Tour nur noch 190 Kilometer und die Transportkosten würden sich auf 1.520 Euro belaufen. 80 Euro am Tag gespart. Im Jahr sind dies bei 200 Liefertagen schon 16.000 Euro. Die meisten Werkzeuge versprechen übrigens durchschnittlich acht bis 15 Prozent Einsparung im Vergleich zur manuellen Planung und der ROI dafür sollte bereits im ersten Jahr erfolgen.

Wenn es so einfach ist, wieso tun es dann nicht alle?

Glaubt man aktuellen Umfragen, so lassen sich meist zwei Knackpunkte erkennen: eine fehlende IT-Strategie gepaart mit dem nicht vorhandenen Wissen bzw. der Angst vor der Komplexität des Themas. Es wird befürchtet, dass die Belastung neben dem operativen Tagesgeschäft zu groß wäre oder aber die Daten des eigenen Unternehmens zu kompliziert seien, als dass die IT hier helfen könnte.

Die Lösung hierfür kann nur sein: Bewusstsein schaffen auf allen Ebenen. Erst wenn die Unternehmensführung erkennt, dass die IT kein Kostenfaktor, sondern eine Effizienzsteigerungsmaschine ist und ihren Mitarbeitern vermittelt, dass die IT ihnen nicht den Arbeitsplatz wegnimmt, sondern sie unterstützt und ihre Arbeit einfacher und effizienter macht, erst dann wird die Digitalisierung auch in der Logistik voll einschlagen und ungeahnte Effekte bis hin zu neuen Geschäftsmodellen ermöglichen.

Betrachtet man das seit Jahren anhaltende Sterben der Logistik-KMUs, kann man nur hoffen, dass diese aus ihrem Dornröschenschlaf aufwachen und mit den neuen Möglichkeiten den Sprung ins digitale Zeitalter schaffen. Ansonsten stirbt Deutschland in der Logistik das weg, was uns ausmacht: ein starker Mittelstand.

 

Bildquelle: Shutterstock

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