Crowd- und Cloudworker: Arbeitsmodell der Zukunft oder traurige Tagelöhner?

Crowd- und Cloudworker: Arbeitsmodell der Zukunft oder traurige Tagelöhner?

Crowd- oder Cloudworker sind moderne Dienstleister on demand. Ein Konzept, das viel Kritik einstecken muss – aber trotzdem nicht zu bremsen ist. Verkennt die Politik die Zeichen der Zeit?

In seinem Beitrag „Wenn der Roboter zweimal klingelt: Arbeiten 4.0 im Mittelstand“ setzte sich mein Kollege Biju Pothen kürzlich umfassend mit den Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Arbeitswelt auseinander. Er kam dabei u.a. zu der Einschätzung, dass sie die Organisation des Arbeitens grundlegend verändern wird – in diesem Kontext möchte ich mit Ihnen heute das viel diskutierte Trendthema Cloud- und Crowdworking ausführlicher betrachten.

Flexibilisierung der Arbeit im Kontext der weltweiten Digitalisierung

Im Zuge der rasant fortschreitenden digitalen Vernetzung entsteht derzeit eine Vielfalt neuer Arbeitsformen: Anders als im Zeitalter traditioneller Fabrik- und Büroorganisation erfolgen Wertschöpfungsprozesse nicht mehr nur in örtlich konzentrierten und auf Dauer angelegten betrieblichen Strukturen, sondern räumlich verteilt und zeitlich variabel. Dass Aufgaben oder Projekte outgesourct werden, ist kein neues Phänomen – man denke z.B. an Journalisten – allerdings haben sich die Rahmenbedingungen signifikant verändert: Heute erfolgt die Vergabe, Beauftragung und Abwicklung dieser Auftragstätigkeiten zunehmend über das Internet (die Cloud) und damit ist es für immer mehr Branchen interessant, geeignete Arbeitskräfte weltweit online auszuwählen und temporär Leistungen in Anspruch zu nehmen.

Vielfältige Abwicklungsformen

Auch wenn die Begriffe in der Diskussion oft verschwimmen, muss im Rahmen von Crowdworking-Angeboten zwischen differierenden Beschäftigungsmöglichkeiten getrennt werden – nicht zuletzt, weil sie durchaus unterschiedliche Anforderungen an die Qualifikationen der Crowdworker stellen. Aufschluss gibt hier die Studie „Crowd Worker in Deutschland“, die fünf Grundformen definiert:

  1. Microtask-Plattformen
    Aufgaben von hoher Granularität und geringer Komplexität. Entsprechend sind die Anforderungen an die Qualifikation meistens vergleichsweise niedrig.
  2. Marktplatz-Plattformen
    Aufgaben von eher hoher Komplexität und geringer Granularität. Die Crowdworker sind in der Regel spezialisiert und der Auftraggeber trifft eine qualifikationsbasierte Vorauswahl.
  3. Design-Plattformen
    Relativ hohe Aufgabenkomplexität und damit ist auch eine entsprechende Expertise notwendig. Die Crowdworker werden hier zumeist auf Basis ihrer Qualifikationen oder der vorherigen Designprojekte ausgewählt. Die Preise legen sie meist nach eigenem Ermessen fest und der Auftraggeber wählt aus einem Pool aus.
  4. Testing-Plattformen
    Eher komplexe und gering granulierte Aufgaben – es werden Produkte und Dienstleistungen getestet (oft Softwareapplikationen). Nach der Testphase konsolidiert der Auftraggeber die eingereichten Lösungen und vergütet die Crowdworker mit einem erfolgsabhängigen oder aber vorab definierten Honorar.
  5. Innovationsplattformen
    Fokus auf Innovationsentwicklungen. Dabei dominiert ein kooperativer Ansatz: Der Auftraggeber trifft keine Vorauswahl der Crowdworker, sodass sich alle Mitglieder einbringen können. Vergütet werden oft nur Ideen, die auch tatsächlich ausgewählt werden.

Positive Zukunftsaussichten

Die begrenzte Verfügbarkeit öffentlicher Daten und die rasante Entwicklung machen Schätzungen rund um das Thema Crowd- und Cloudworking schwierig. Die Weltbank bescheinigte dem Markt in ihrer Studie „The global opportunity in online outsourcing” jedoch bereits 2015 ein großes Potenzial: Sie prognostiziert Crowdwork-Plattformen bis 2020 ein Umsatzvolumen von 15 bis 25 Milliarden US-Dollar. Staffing Industry Analysts greift sogar noch höher und geht von 16 bis 46 Milliarden US-Dollar aus.

Aktuelle Prognosen für den deutschen Markt liefert die Studie „Crowdworking-Plattformen in Deutschland“ der Universität Kassel. Demnach lag der Gesamtumsatz der deutschen Crowdworking-Plattformen 2016 bei rund 45 Millionen Euro. Derzeit gibt es geschätzt 1.162.059 Crowdworker in Deutschland, wovon rund 300.000 der Gruppe aktiver Crowdworker zugerechnet werden können. Neben einem weiteren Wachstum erwarten fast alle befragten Crowdworking-Anbieter zukünftig eine Ausweitung der Einsatzgebiete sowie einen steigenden Komplexitätsgrad der outgesourcten Aufgaben.

Aktuelle Diskussion in Deutschland

Trotzdem ist Crowdworking in Deutschland noch eher die Ausnahme. So weiß laut einer Umfrage des Bitkom nur jedes vierte Unternehmen, was sich hinter dem Begriff verbirgt und lediglich drei Prozent haben bereits auf die Arbeit von Crowdworkern zurückgegriffen – immerhin 18 Prozent könnten es sich zukünftig vorstellen. Relevanz hat das Thema aktuell vor allem in größeren Unternehmen, und sie wagen sich teilweise auch an Aufgaben, die über die reine Fleißarbeit hinausgehen. So betreibt Beiersdorf z.B. die Plattform Pearlfinder. Hier stellt das Unternehmen Fragen, zu denen Ideen eingereicht werden können. Sieht der Konzern in einer Idee Potenzial, schließt er einen Kooperationsvertrag mit dem Urheber ab – sonst gibt es nichts. Ähnliche Konzepte verfolgen u.a. auch Audi und die Deutsche Bank.

Dass Konzepte wie das Crowdworking in Deutschland bisher eher kritisch betrachtet werden, ist ein Stück weit der politischen Diskussion geschuldet. Hier ist nicht selten von einem „Heer digitaler Nomaden“ die Rede, das reguläre Arbeitsplätze bedroht und sich aufgrund von Dumpinglöhnen gleichzeitig nur mühsam über Wasser halten kann. Zudem wird immer wieder der Vorwurf laut, dass Arbeitgeber ihr unternehmerisches Risiko auf die Crowd auslagern und einen ruinösen Konkurrenzkampf in Gang setzen. Argumente, die sicher ihre Berechtigung haben – aber einer deutlich differenzierteren Betrachtung bedürfen: Zum einen übernehmen Crowdworker heute in erster Linie Aufgaben, die so bislang gar nicht oder durch Aushilfen übernommen wurden und zum anderen ist diese Arbeit in den meisten Fällen ein Zusatzverdienst. Unter dem Strich ist das Crowdworking aktuell keine Konkurrenz für bestehende Beschäftigtenverhältnisse.

Korrekt ist sicher, dass hauptberufliche Crowdworker, die keine Spezialisten sind und eher einfache Tätigkeiten übernehmen, Gefahr laufen, in eine ruinöse Abhängigkeit zu geraten. Doch wie die FAZ kürzlich so treffend schrieb, ist Crowdsourcing längst mehr als das:

„Der durchschnittliche Crowdworker in Deutschland ist 36 Jahre alt und überdurchschnittlich gebildet. Etwa jeder zweite hat ein abgeschlossenes Hochschulstudium. Das heißt, die können was. Und viel wichtiger: Sie wollen sich nicht unterordnen.“

Die Politik muss Antworten finden

Wie bereits mein Kollege Biju Pothen ausführte, etablieren sich im Zuge der Informatisierung, Tertiarisierung und Dezentralisierung zunehmend Solo-Selbstständige, die sich als autonome Wissensdienstleister verstehen. Eine Entwicklung, die in Konflikt mit dem im April in Kraft getretenen reformierten Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) steht. Dieses soll vor allem Leiharbeiter vor Missbrauch schützen, kommt für hochqualifizierte Cloudworker aber einem Schlag ins Gesicht gleich: Der Gesetzgeber nimmt ihnen die Flexibilität, über mittel- oder langfristige Werks- und Dienstverträge selbstbestimmt zu arbeiten. Sofort schwebt über ihnen das Damoklesschwert der Scheinselbstständigkeit. Daraus resultieren aus meiner Sicht vor allem zwei Spannungsfelder:

  1. Die Digitalisierung braucht Cloud- und Crowdworker. Auch in Deutschland ist der digitale Umbruch längst nicht mehr aufzuhalten. Die neue Gesetzeslage schert alle Branchen und Aufgaben über einen Kamm und passt damit nicht in die wirtschaftliche Realität. Man muss somit konstatieren, dass wohl schlichte Unkenntnisse der realen Herausforderungen zu solch einem verzerrten Gesetz geführt haben. Deutschland droht in der Konsequenz im Wettbewerb weiter an Boden zu verlieren.
  2. Global ist der Trend Cloud- und Crowdworking längst nicht mehr aufzuhalten. Und bereits heute drängen internationale Anbieter auf den deutschen Markt. Unternehmen können weltweit agieren und sind nicht mehr darauf angewiesen, unter der deutschen restriktiven Arbeitsmarktpolitik zu arbeiten. Nicht umsonst kommt schon heute viel IT aus den internationalen Offshore-Märkten.

„Business as usual” ist keine valide Option. Durch die globale Vernetzung wird das Cloud- und Crowdworking auch in Deutschland immer mehr Fuß fassen und sich als Arbeitsmodell etablieren. Anstatt die Entwicklung zu bremsen, ist es Aufgabe der Politik, diese Trends sinnvoll zu unterstützen. Erst das sichert Arbeitsplätze und Steuereinnahmen im Digitalisierungssektor. Die derzeitige Strategie ist somit per se der falsche Ansatz.

 

Bildquelle: Shutterstock

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