Legacy-Anwendungen renovieren

Welches Potenzial in Architekturreviews auf Alt-Anwendungen steckt, zeigte einer meiner letzten Beiträge. Von der Theorie geht es nun in die Praxis – konkrete Beispiele aus Kundenprojekten machen die Möglichkeiten anschaulicher.

Ein oft gehörtes Bonmot in der IT:  „Never change a running system“. Dieser Ansatz hält sich hartnäckig, obwohl schon oft aufgezeigt wurde, dass er falsch ist. Im Englischen heißt  es „If it ain’t broke, don’t fix it“ – und genau hier liegt die Krux:  Natürlich muss man nicht jedes Feature-Update einspielen, aber in vielen Komponenten, die in Altsystemen verwendet werden, schlummern Fehler, die laufende Kosten verursachen.

Jungbrunnen

Ein Architekturreview überprüft, ob alle verwendeten Komponenten noch den Anforderungen entsprechen. Bei einem unserer Kunden laufen z.B. eine Reihe interner Web-Anwendungen noch auf Tomcat 4. 2001 veröffentlicht, wird dieser seit 2009 nicht mehr supported. Aber es läuft ja alles reibungslos. Ohne Probleme?!  Wenn man genauer nachfragt, ändert sich das Bild: Die Performance könnte besser sein. Ein Blick in die Release-History des Tomcat zeigt, dass die Performance in den Versionen 5 und 7 deutlich verbessert wurde und unsere internen Messungen verzeichnen für die 8er-Version einen nochmaligen Anstieg.

Grund genug, über ein Update nachzudenken. Natürlich funktioniert ein Versionssprung von Tomcat 4 auf Tomcat 8 nicht ohne Anpassungen an der Anwendung – der Aufwand hält sich im Vergleich zum Nutzen aber in Grenzen. Durch die verbesserte Performance kann Hardware eingespart werden; die Migrationskosten amortisieren sich innerhalb kürzester Zeit. Zusätzlich werden durch das Upgrade zahlreiche Sicherheitslücken geschlossen, die potenziell hätten teuer werden können.

Neue Wege gehen

Reviews fördern oft auch Komponenten zutage, die durch Alternativen ersetzt werden können. Das bedeutet zwar einen größeren Umstellungsaufwand, lohnt sich aber vor allem dann, wenn bisher Lizenzkosten anfallen. Häufig waren die kostenpflichtigen Komponenten die einzigen verfügbaren, als das System entwickelt wurde. Nach einigen Jahren sind aber Open-Source-Alternativen entstanden, die Vergleichbares leisten:

  • Vielleicht war vor sechs Jahren WebSphere MQ die richtige Entscheidung, aber gilt sie heute immer noch in Anbetracht der vielen reifen Open-Source-Produkte (Apache ActiveMQ, RabbitMQ, HornetQ)?
  • Vielleicht war der kommerzielle Application Server vor fünf Jahren von der Betriebsführung gesetzt, aber mittlerweile wird vielleicht auch JBoss oder WildFly unterstützt?

Aus Fehlern lernen

Beim Entwurf einer Architektur für ein neues System muss der Architekt mit vielen Unsicherheiten und Annahmen leben – er agiert auf der grünen Wiese. Beim Review eines Altsystems wissen wir, wo der Hase im Pfeffer liegt. Zumindest, wenn wir den richtigen Leuten die richtigen Fragen stellen und vorhandene Informationen aggregiert ausgewertet werden. So zeigt eine Datenanalyse des Bugtrackers oder des Versions Control Systems auf, welche Teile der Anwendung besonders stark von Fehlern und Änderungen betroffen sind. Sind die Löcher identifiziert, in die der Wartungsaufwand versenkt wird, kann die zugrunde liegende Architektur genauer betrachtet werden. Eventuell werden hier technische und fachliche Belange vermischt oder eine ungünstige Struktur der Abhängigkeiten sorgt dafür, dass bei jeder kleinen Änderung ein hoher Aufwand anfällt.

Eine andere Quelle, die befragt werden muss, ist der Betrieb. Häufig haben sich die Administratoren leise vor sich hin fluchend mit dem System arrangiert. In Interviews und Workshops zeigt sich, wo die Kosten im Betrieb wirklich anfallen. Manchmal sind es kleine Änderungen, mit denen man einen großen Effekt erzielen kann. Das reicht von einer Vereinheitlichung des Log-Formats, damit es besser automatisch ausgewertet werden kann, bis zum Hinzufügen von Warnungen im Logfile, damit die Betriebsführung Probleme erkennt, bevor sie teuer werden.

Die Beispiele zeigen, welches Potenzial in Alt-Anwendungen schlummert – es gibt immer etwas zu holen. Und auch Kleinvieh macht bekanntlich Mist. Vor allem, wenn man es mit den verbleibenden Jahren der Restlaufzeit multipliziert…

 

Bildquelle: Shutterstock

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