Der Löwe ist hungrig: Indien im Wandel

In den 90er Jahren eröffnete mein Arbeitgeber, das Software- und Beratungshaus PASS, eine Niederlassung in Indien. Wir folgten damit dem allgemeinen Trend, Software-Komponenten günstiger zu produzieren. Heute bedienen unsere Kollegen in Hyderabad zunehmend den heimischen Markt – die Nachfrage steigt rasant.

Über 30 Jahre ist es her, da lockerte der damalige indische Ministerpräsident Rajiv Gandhi die Importbeschränkungen für Computer, also Hardware, in sein Land. Die Folgen sollten nicht lange auf sich warten lassen: Armeen von Softwareentwicklern fluteten die heimische Wirtschaft und Indien hatte sein Wirtschaftswunder. Die Kombination aus verhältnismäßig gut ausgebildeten Ingenieuren mit – für westliche Verhältnisse – extrem niedrigem Gehaltsanspruch bei gleichzeitig gigantischer Nachfrage nach Software aller Art traf voll ins Schwarze. So entstanden in den 90er Jahren riesige Programmierfabriken aller namhaften Softwarekonzerne und zahlreicher weiterer Dienstleistungsunternehmen.

Kein Bild verdeutlicht die rasend schnelle Entwicklung jener Zeit besser, als folgende Filmaufnahme, die ich von meiner damaligen Reise mitbrachte: Kameraschwenk von den aufschießenden Glas- und Stahlneubauten der „Hightech City“ auf eine Kuh am Straßenrand, die auf einem Müllberg steht, umwunden von einem Gewusel aus Fortbewegungsmitteln aller Art, die eine Zeitspanne vom Mittelalter bis in die Gegenwart repräsentierten.

Auf dem Weg zum Ingenieursland

Heute kann Indien mehr. Alle Dienstleistungen, die sich mit IT und besonders über das Internet realisieren lassen, sind hier ansässig und die Komplexität der Leistungen ist aus den Kinderschuhen der bloßen „IT-Werkbank“ hinausgewachsen. Die Ausbildung der Entwickler hat sich immens verbessert, eine neue Generation von Ingenieuren ist herangewachsen, die mit dem Internet – und damit dem uneingeschränkten Zugang zu Informationen – aufgewachsen ist, häufig im Ausland studiert oder an den immer besser werdenden Hochschulen des Landes.

Indien rüttelt an deutschen Markenzeichen

Kein Unternehmen von Weltrang, das nicht in Indien investiert ist. Inzwischen befinden sich hier ganze Forschungs- und Entwicklungsabteilungen – auch des produzierenden Gewerbes, z. B. von Automobilherstellern. Denn längst hat sich das Leistungsspektrum rund um Software ausgeweitet. Diese Tatsache durchbricht eine bis dato gezogene Grenze, denn die Hoheit über die geistige Ingenieursleistung wähnte man dann doch „sicher in Deutschland“. Daneben hat der heutige Regierungschef Narendra Modi während der Hannover Messe, der weltgrößten Industrieschau, sein Land als „Werkbank“ für die Welt empfohlen, will endlich aus dem Schatten Chinas heraustreten. Das Interessante daran: Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in seinem eigenen Land ist schon heute erdrückend.

Warum also heutzutage als Softwareunternehmen nach Indien gehen?

Günstiger produzieren könnte man schließlich in vielen anderen Ländern. Doch hier haben wir es – neben den bekannt günstigen Konditionen, die Indien als Anbieter von Dienstleistungen nach wie vor ermöglicht – mit einem gigantischen Abnehmer zu tun: Indien ist inzwischen die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt, Tendenz steigend. Diesen Markt zu bedienen gelingt am besten, wenn man vor Ort agiert – und mit lokalen Mitarbeitern. Wir sehen es bei PASS ja ganz direkt: Die Kollegen in Hyderabad wissen am besten, welche Apps dort sinnvoll sind und welche IT-Dienstleistungen vielversprechend. Außerdem liegt ein Erfolgsfaktor in den direkten persönlichen Beziehungen vor Ort. Unsere Dependance produziert IT nicht mehr ausschließlich für das Ausland, sondern zunehmend für den wachsenden heimischen Markt.

„Wenn da nur nicht die Barrieren wären.“ In meinem nächsten Beitrag geht es um das Abenteuer, in Indien Fuß zu fassen.

 

Bildquelle: Shutterstock

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