Individueller Standard: Mass Customization in der Softwareentwicklung

Industrialisierung vs. Individualisierung = Massen vs. Einzelfertigung – eine Gleichung, die ihre Gültigkeit heute weitgehend verloren hat. Sowohl in der Industrie als auch in der Softwareentwicklung gehört die Zukunft der individualisierten Massenfertigung (Mass Customization).

Lange Zeit galt: Die Massenproduktion ermöglicht eine optimale Ausnutzung von Betriebsmitteln und damit höhere Stückzahlen, kürzere Lieferzeiten und einen geringeren Produktpreis als die Einzelfertigung. Diese zeichnet sich eher durch attraktivere und gebrauchstauglichere Produkte aus. Wie weit sich diese Gegensätze in der Zwischenzeit angenähert haben, zeigt das Beispiel der Automobilindustrie: Anfangs wurden Fahrzeuge industriell durch Massenproduktion hergestellt. Schon bald gab sich der Markt nicht mehr mit identischen, schwarzen Autos zufrieden. Durch den Austausch noch verhältnismäßig großer Komponenten (Fahrgestelle, Motoren, Räder, usw.) wurden erste individuelle Wünsche berücksichtigt. Mit zunehmender Granularität der Auswahloptionen stieg der Grad der Individualisierung. Heute kann man über Konfiguratoren der Autohersteller viele hundert Einzeloptionen nahezu beliebig miteinander kombinieren.

Die IT zieht nach

In der IT unterscheidet man zwischen Individual- und Standardsoftware. Individualsoftware wird, ähnlich einem Unikat, nur für eine einzelne Anwendergruppe entwickelt und dabei möglichst präzise auf deren Anforderungen zugeschnitten. Standardsoftware berücksichtigt die generellen Anforderungen einer möglichst breiten Masse an Anwendern – sie wird einmal entwickelt und danach beliebig oft eingesetzt. Umgerechnet auf den Anwender ergeben sich hier deutlich niedrigere Produktionskosten als im Fall der Individualsoftware. Die Idee einer individualisierten Massenfertigung von Software ist somit naheliegend.

Mass Customization in der Praxis

Ähnlich den Fahrzeugkonfiguratoren der Automobilhersteller ermöglicht die Kombination vieler Komponenten ein individuelles Softwareprodukt. Anforderungen der Kunden werden dabei den verfügbaren fachlichen und technischen Komponenten zugeordnet. Individuelle Wünsche, die dadurch noch nicht abgedeckt werden können, lassen sich durch die Derivierung dieser Komponenten realisieren. So erhält die Software beispielsweise eine Benutzeroberfläche nach Wünschen des Kunden, berücksichtigt seine Regelwerke oder Komponenten werden nach seinen Workflows orchestriert.

PASS hat das Konzept der individualisierten Massenfertigung z.B. in der Solution World Travel sowie der Solution World Finance umgesetzt. Sie enthalten jeweils fachliche und technische Komponenten aus allen Bereichen, die für die Reise- bzw. Finanzdienstleisterbranche von Bedeutung sein können – bis hin zu teilweise feingranularen, normierten Services. Als Fallbeispiel mag die kürzliche Entwicklung eines kundenspezifischen Travel Management Systems für den Einsatz in 14 Ländern dienen. Es hat einen funktionalen Gesamtumfang von 23.386 Data Interaction Points; 85 Prozent davon stammen aus wiederverwendeten Komponenten. Die Produktivität des ausgelieferten Systems wurde mit 36,7 DIP/PT gemessen. Gegenüber einer völligen Individualentwicklung mit im besten Fall 8 DIP/PT konnte bei diesem System somit ein Aufwand von 2.286 Personentagen eingespart werden.

Wie sind ihre Erfahrungen mit Mass Customization? Diskutiert wurde das Thema z.B. auch beim diesjährigen BITKOM Software Summit. Die entsprechenden Vortragsunterlagen finden sich hier. Ich freue mich auf ihr Feedback!

 

Bildquelle: Shutterstock

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