Künstliche Intelligenz I: Alles nur Marketing?

Künstliche Intelligenz I: Alles nur Marketing?

Das Buzzword Künstliche Intelligenz lauert an jeder Ecke und die Investitionen fließen. Ein Blick auf die Aktivitäten der großen Tech-Konzerne.

Im August war es wieder so weit: Der „Hype Cycle for Emerging Technologies“ von Gartner – ist erschienen und geht auch 2017 der Frage nach, auf welche Trends sich der Markt einstellen muss. Das Gartner-Team nahm sich 32 Technologien vor und kam zu folgendem Fazit: Keine davon wird in den nächsten zwei Jahren ihren Durchbruch erleben, aber es wird auch keine wieder verpuffen. Gleichzeitig identifiziert Gartner drei Megatrends: Künstliche Intelligenz (KI), digitale Plattformen und die Orientierung der Technologie am Kunden. Für mich der Ausgangspunkt, um mich mit dem Hype-Thema KI in zwei Beiträgen etwas ausführlicher zu beschäftigen:

  • Künstliche Intelligenz I: Alles nur Marketing?
  • Künstliche Intelligenz II: Wie stark ist Deutschland?

Status quo bei internationalen Technologiekonzernen

Dass die führenden Tech-Unternehmen KI eine hohe Relevanz beimessen, zeigt ein Projekt, das Ende 2016 ins Leben gerufen wurde: die Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society. Ziele sind, die Angst der Menschen vor KI zu mindern und eine Plattform für den Informationsaustausch zu etablieren. Zu den Gründungsmitgliedern zählen u.a. Facebook, Microsoft, Apple, IBM, Google und Amazon – und genau diese Konzerne sollen im Folgenden auch im Fokus stehen:

IBM ist weniger weit als gedacht

Mit dem Supercomputer Watson gilt IBM als Pionier der KI-Branche – und laut IBM-Chefin Virginia Rometty soll die Zukunft des IT-Riesen auf diesem Geschäft ruhen. Es wurde eine Division für das Thema eingerichtet und man hält rund 500 Patente. Erst kürzlich wurde zudem bekannt, dass IBM 240 Millionen US-Dollar in ein Forschungslabor mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) investiert. Das MIT-IBM Watson AI Lab soll den Grundstein für neue Durchbrüche im Bereich KI legen. Und diese scheinen auch notwendig: Es mehren sich die Zweifel an Watsons Fähigkeiten: Nach Informationen der WirtschaftsWoche war das Programm nicht nur mit der Auswertung von Daten im Kampf gegen Krebs überfordert, sondern es rücken auch große Unternehmenskunden ab. Demnach haben die Rückversicherer Munich Re und Swiss Re Watson-Projekte beendet oder reduziert. Die Erwartungshaltung, die durch das intensive Marketing geschürt wurde, scheint nicht erfüllt werden zu können. So kommt die Investmentbank Jefferies sogar zu der Einschätzung, dass IBMs Erträge aus den Watson-Investitionen nicht über den Kapitalkosten liegen werden.

Facebook investiert in großem Stil

Facebook hat eine eigene Abteilung für KI und setzt sie im Kerngeschäft ein. Ziel ist, ein auf den Empfänger maßgeschneidertes Angebot zusammenzustellen, und dieses in deren Bewusstsein zu beamen. Die daraus resultierende Medienmacht steht außer Frage. So wurde u.a. eine Software entwickelt, die auf Fotos neben Gesichtern auch Gegenstände, Formen und Farben identifiziert – und im nächsten Schritt sogar menschliche Emotionen erkennen soll. Außerdem setzt das Unternehmen KI ein, um terroristische Inhalte auf seiner Plattform zu entdecken. Das größte Medienecho löst jedoch das Thema Chatbots aus: Facebook arbeitet seit einiger Zeit daran, deren Fähigkeiten durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz zu erweitern. Dabei gab ein Projekt kürzlich Anlass zur Diskussion: Facebook hatte – als Zwischenschritt, um Gespräche zwischen Mensch und Maschine zu ermöglichen – Chatbots beigebracht, darüber zu verhandeln, wie sie Dinge untereinander aufteilen. Dabei entwickelten sie eine eigene Sprache. Ein Umstand, der schnell in der Frage „Künstliche Intelligenz außer Kontrolle?“ mündete. Aber es darf Entwarnung gegeben werden: Die sprachlichen Schöpfungen sind schlicht und ergreifend das Resultat einer unpräzisen Programmierung.

Microsoft versucht aufzuholen

Auch Microsoft setzt auf künstliche Intelligenz und Machine Learning: Cortana arbeitet bereits mit KI-Techniken, der Windows-Entwickler betreibt mit dem Project Oxford einen KI-basierten Cloud-Dienst. Microsofts KI-Gruppe ist laut jüngsten Zahlen auf rund 8000 Mitarbeiter angewachsen – und hat damit ein Wachstum von 60 Prozent zu verzeichnen. Kurz zuvor wurden bereits neue Projekte und Produkte angekündigt: darunter das Forschungs- und Gründerzentrum „Microsoft Research AI“, die Initiative „AI for Earth“ sowie die Erweiterungen der Cognitive Services. Zudem wurde eine strategische Partnerschaft mit Facebook vereinbart: Die beiden Unternehmen arbeiten an einem gemeinsamen Open-Source-Austauschformat.

Google mit Kurswechsel hin zu KI

Auf der Google-Entwicklerkonferenz I/O Mitte Mai verkündete Google-Chef Sundar Pichai vor rund 7.000 Gästen einen Kurswechsel hin zu künstlicher Intelligenz: „Wir werden alle unsere Produkte überarbeiten. Alles verändert sich dank künstlicher Intelligenz.” So geht Googles leitender Forschungsingenieur Ray Kurzweil optimistisch davon aus, dass KI auf menschlichem Niveau schon im Jahr 2029 möglich sein wird. Analysten schätzen, dass sich Google im Kampf um die Vorherrschaft bei künstlicher Intelligenz langfristig durchsetzen könne. „Googles breite kognitive Fähigkeiten und die großen Datenbanken sind definitiv ein Vorteil im Rennen um die Dominanz bei künstlicher Intelligenz”, so Adam Wright von IDC. Ein wichtiges Instrument wird dabei Google Lens sein – basierend auf der Bilderkennung sollen dem Nutzer zukünftig zusätzliche Informationen aus der Google-Datenbank bereitgestellt werden. Noch ist Lens zwar nicht offiziell gestartet, aber durch die Integration in diverse Produkte ist die Funktion mittlerweile schon auf jedem Smartphone vorhanden. Mit neuen Funktionen im Google „Home“-Lautsprecher macht das Unternehmen zudem Jagd auf Amazon.

Amazon als Klassenprimus der smarten Assistenten

Dass Amazon zunehmend als Technologie-Provider in Erscheinung tritt, ist spätestens seit Etablierung der Amazon Web Services (AWS) offensichtlich. Diese umfassen auch Entwicklungswerkzeuge für KI – das Zentrum bildet hierbei Amazon Machine Learning. Kunden können auf Dienste wie maschinelles Lernen, visuelle Such- und Bilderkennung, natürliches Sprachverständnis, automatische Spracherkennung und die Transformation von Text zu Sprache zurückgreifen. Sichtbar bzw. hörbar wird KI bei Amazons Sprachassistentin Alexa: Anfangs unterschätzt beherrscht Amazon heute den US-Markt für Smart Speaker mit 70 Prozent Marktanteil. Und auch bei den Prime Air Drohnen kommt KI zum Einsatz. Zuletzt wurde zudem bekannt, dass Amazon mit Hilfe von KI versucht das Geschäft im Modebereich zu stärken. So soll ein Algorithmus anhand von Bildern Mode-Stile erlernen und dazu passende Kleidungsstücke entwerfen.

Apple hinkt hinterher

Obwohl mit Siri früh gestartet, schien es lange so, als würde Apple der Konkurrenz das KI-Feld kampflos überlassen – so wirken die KI-Fähigkeiten des HomePods verglichen mit Amazon und Google z.B. eher klein. Grund genug für eine Einkaufstour: So hat Apple im Mai den Kauf von Lattice Data bestätigt. Das kalifornische Unternehmen befasst sich mit der Auswertung unstrukturierter Daten. Darüber hinaus arbeitet Apple offenbar an einem eigenen Chip für künstliche Intelligenz. Da Apple um seine Produkte ein deutlich größeres Geheimnis macht als andere Hersteller, fällt die Einschätzung an dieser Stelle nicht ganz leicht – aber es scheint, als bestehe Aufholbedarf und es bleibt spannend, wie das Unternehmen sich schlussendlich positioniert.

Ein Hype mit Substanz

Der Hype rund um die Künstliche Intelligenz ist riesig – nicht zuletzt, weil die Tech-Konzerne ihn kräftig schüren und Milliarden investieren. Aber eines muss klar sein, wenn heute von KI die Rede ist, dann geht es fast immer um maschinelles Lernen: Algorithmen leiten aus Daten Regeln ab – von einem „eigenen Bewusstsein“ sind solche Programme (noch) weit entfernt. Das wird auch mit Blick auf die vorgestellten Anwendungsszenarien und Forschungen deutlich. Hier sei übrigens auch die Lektüre der 15 Mythen über Artificial Intelligence von Gartner empfohlen, wo es unter Punkt 3 heißt: „Künstliche Intelligenz ist Realität“. Realität sind heute einzelne Funktionalitäten wie z.B. Spracherkennung und Fraud Prediction – alles andere ist Zukunftsmusik.

Aktuell stehen vor allem die Aktivitäten der großen Technologiekonzerne im medialen Fokus, zumal sie in vielen Fällen direkt den Endverbraucher adressieren. Ich werde übernächste Woche versuchen, die Frage zu beantworten, wie stark Deutschland bei dem Thema Künstliche Intelligenz ist.

 

Bildquelle: Shutterstock

4 Gedanken zu “Künstliche Intelligenz I: Alles nur Marketing?”

  1. Jürgen Pons

    Alles richtig .. es wird noch einige Zeit dauern bis so etwas wie ein künstliches ‚eigenes Bewusstsein‘ entsteht.
    ABER : Etwas muss uns allen klar sein. Sobald in irgend einem Labor ein solches erwacht, werden wir es nicht mehr kontrollieren und einfangen können!
    Dann wenn wir nicht vorbeugen und Sollbruchstellen und Notausschalter einbauen !

      1. Hans Jörg

        Es macht sicher keinen Sinn, wenn sich die Systeme verselbständigen und zu nicht kontrollierbaren Ergebnissen führen. Die Fehlerhaftigkeit ist immanent. Gerade aber IBM versucht mit Watson ebenso wie die anderen US-amerikanischen Technologieanbieter Systeme hervorzubringen, die den Stein der Weisen hervorbringen sollen, aber als maschinenlernende Systeme super fortschrittlich sind.
        Fakt ist: Man braucht neue Expertensysteme, da die traditionelle IT an ihre Grenzen gekommen ist und die Menschen durch die Social-Media-Systeme bereits sind, ihre Personendaten weiterzugeben.
        Das Ganze muss aber zumindest aus Unternehmenssicht immer noch beherrschbar bleiben.
        Noch kritischer ist die Frage, wenn der Super-Computer bzw. das spezifische Expertensystem nur und ausschließlich außerhalb von Europa anzutreffen ist.

    1. Hans Jörg

      Wir sind in einem Spannungsfeld: Einerseits brauchen die Industrie (einschl. ITK-Industrie) und die Finanzdienstleistungsbranche neue Geschäftsmodelle, andererseits sind die Kunden immer unsensibler mit der Herausgabe ihrer Daten.
      Fakt ist: Selbstlernende Systeme, die nicht mehr nachvollziehbare und von Menschen kontrollierbare Ergebnisse hervorbringen, sind abzulehnen. Da bedarf es einer Korrektur des Gesetzgebers. Und die großen Anwender seien auch gewarnt: Passiert hier irgendwo etwas Unkontrollierbares in den Systemen, steht sofort die gesamte Presse vor der Tür. Solch einen Super-Gau kann im Moment niemand ernsthaft wollen. Und Raymond Kurzweill wurde bekannt durch den Bau von innovativen Synthesizern. Er gilt aber jetzt als KI-Guru bei Google. Ist das von dort nur eine Marketingstrategie?

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