Open Source für Europa

Die Europäische Kommission hat ihre Open-Source-Strategie für die Jahre 2014 bis 2017 veröffentlicht. Sie stärkt offene Standards, bevorzugt Open Source für die interne Entwicklung und will mehr Rechtssicherheit schaffen. Ein Schritt mit Signalwirkung. Nicht nur für den öffentlichen Sektor, sondern auch für die Privatwirtschaft.

Nachdem Pierre Damas, der Referatsleiter des DIGIT (Generaldirektion Informatik), letzten Dezember bereits die Eckpunkte auf einem Workshop vorgestellt hatte, wurde Ende März die Strategie veröffentlicht.

Mittlerweile kann die Europäische Kommission auf 15 Jahre Open-Source-Geschichte zurückblicken. Zu Beginn des Jahrtausends wurden erste Linux- und Apache-Server eingeführt, mittlerweile laufen in den Rechenzentren der EU über 1.800 Linux-Server und es werden über 10.000 Apache-Webserver betrieben. Im Jahr 2000 war Open Source nur auf dem Server ein Thema, es kamen aber bald Entwicklungswerkzeuge (Eclipse, svn, git…) und Kollaborationstools (Wiki, CMS, Forensoftware…) dazu.

Kein LiMux für die Europäische Kommission

Auf dem Desktop blieb Open-Source-Software lange unsichtbar. 2005 fand ein kleiner Pilotversuch mit einem knappen Dutzend Freiwilliger im IT-Kommissariat statt, die Linux und OpenOffice auf dem Desktop erprobten. Allerdings wurden die Kosten für den Umstieg für zu hoch befunden. Aktuell ist keine neue Auflage eines solchen Versuches geplant, dabei gab es in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Entwicklungen, die einen Umstieg preiswerter machen:

  • Durch den Trend zu Web-Anwendungen müssen weniger Client-Anwendungen portiert werden.
  • LibreOffice und OpenOffice sind reifer geworden und haben gerade in der Kompatibilität zu Microsofts Office-Paket stark zugelegt. Dazu hat auch beigetragen, dass Microsoft unter dem politischen Druck die Office-Dateiformate als offenen Standard veröffentlicht hat.

Auch wenn Linux auf dem Desktop momentan kein Thema in der Europäischen Kommission ist, hat Open Source doch einen festen Platz auf den Arbeitsplatzrechnern erobert. Firefox, VLC und 7-zip gehören zu der Standardinstallation und haben Internet Explorer, Windows Media Player und WinZip verdrängt. GIMP, Filezilla und weitere Tools sind auf den Arbeitsplätzen der Kommission weit verbreitet und für die Zukunft wird über Alternativen zu Outlook nachgedacht.

Die zehn Open-Source-Gebote der EU

Die neue Strategie bekräftigt das Bekenntnis zu Open Source und verstärkt es noch in einigen Punkten. Der Dekalog mit den zehn Leitsätzen wurde zwar weitgehend übernommen, eine Gegenüberstellung mit der Strategie für 2011 bis 2013 zeigt aber deutlich eine Schärfung des Open-Source-Profils.

Der Dekalog wird von dem Grundsatz getragen, dass Open Source gleichwertig neben kommerzieller Software steht. Die neue Version macht Open Source für interne Entwicklungen zum Standard, Abweichungen müssen begründet werden. Außerdem wird manifestiert, dass sich die EU nicht mehr nur als Nutzer sieht, sondern selbst etwas zur Open-Source-Community beitragen möchte.

  • Im ersten Punkt der Strategie hieß es bisher, dass die Europäische Kommision Open-Source-Technologien und -Produkte fördern wird, wo ein deutlicher Nutzen (Benefit) erwartet werden kann. Dieser einschränkende Nachsatz ist entfallen. Ein klarer Nachweis des Nutzens wird nicht mehr explizit gefordert.
  • Die größte Änderung hat das zweite Gebot erfahren: Hieß es bisher, dass die Kommission Open-Source-Lösungen gleichberechtigt neben proprietären Lösungen betrachtet und auf einer “value for money”-Basis entscheidet, wird jetzt der politische Wille betont: „Die Kommision soll […] aktive und faire Berücksichtigung zeigen” („The Commission shall ensure a level playing field for open source software and demonstrate an active and fair consideration of using open source software”).
  • Statt des vagen “value for money” wird nun der Total Cost of Ownership (TCO) als Entscheidungskriterium festgeschrieben.
  • Eine weitere Klarstellung betrifft die Verwendung von Standards. Wo bisher „anerkannte, gut dokumentierte Standards” gefordert wurden, was proprietäre oder mit Patenten belegte Standards nicht ausschließt, heißt es jetzt ganz klar, dass offene Standards, die frei implementiert und angepasst werden können, bevorzugt werden („open technical specifications that can be freely adopted, implemented and extended”).
  • Auch der rechtliche Rahmen wird gestärkt. Schon im bisherigen Dekalog wurde festgelegt, dass sich die Kommission darum kümmert, den rechtlichen Rahmen für den Einsatz von Open Source zu klären. In der neuen Version wird ergänzt, dass die Ergebnisse der Klärung auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
  • Im Punkt „Methods & Communities“ wurde das Vorhaben verankert, auch an externen Open-Source-Communities teilzunehmen (“facilitate participation in external OSS communities“). Schon jetzt stellt die Europäische Kommission eine Reihe selbst entwickelter Komponenten und Projekte auf der joinup-Plattform unter der European Public License zur Verfügung.

Was bringt’s?

Open Source hat in der Europäischen Kommission eine lange und nicht immer unproblematische Geschichte. 2009 wies WikiLeaks noch nach, dass der von Microsoft mitfinanzierte Lobbyverband ACT massiv Einfluss auf die Open-Source-Strategie der Kommission genommen hat. Damals hatte Microsoft dafür gesorgt, dass der sogenannte „Mixed Mode“, also die Kombination von Closed- und Open-Source-Software, stärker propagiert wurde und Passagen, die Closed-Source-Anbieter kritisierten, gestrichen wurden. Von „Mixed Mode“ ist in der Strategie schon lange nicht mehr die Rede.  Die wiederholten, empathischen Kommentare der letztes Jahr ausgeschiedenen Kommissarin für die Digitale Agenda Neelie Kroes und ein Blick in die EU-Rechenzentren zeigt, dass die Strategie kein reines Lippenbekenntnis ist.

Die neue Strategie dürfte Signalwirkung für den gesamten öffentlichen Sektor haben. Endlich beginnt die EU, verstärkt Lösungen für die Verwaltung auf der joinup-Plattform anzubieten und wird damit nicht nur Konsument, sondern auch Anbieter von Open Source. Diese auf die öffentliche Verwaltung zugeschnittenen Lösungen senken die Einstiegshürden für Länder und Kommunen. Auch für die private Wirtschaft setzt das neue Impulse. Dadurch, dass die EU rechtliche Fragestellungen klärt und die Ergebnisse veröffentlicht, wird auch die Rechtssicherheit für Unternehmen gestärkt. An Dienstleister geht die klare Ansage, dass Open Source bei Entwicklungsprojekten für die EU Standard ist.

 

Bildquelle: Shutterstock

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