Virtualisieren Sie noch oder arbeiten Sie schon?

Warum kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) nicht virtualisieren sollten: ein Plädoyer für den Service aus der Wolke.

Im Juni präsentierte mein Kollege Johannes Rabl das Ergebnis seiner Umfrage zur Virtualisierung im Mittelstand. Sein Fazit:

„Etablierte Lösungen im Servervirtualisierungsumfeld werden weiterhin den Markt dominieren. Open-Source-Lösungen bleibt nur ein Nischendasein, zumindest bei kleinen und mittleren Unternehmen. Die Zukunft gehört der Konkurrenz aus Fernost.“

Viel wichtiger als die Frage, welche Virtualisierungstechnologie benutzt wird, ist aus meiner Sicht allerdings die folgende Überlegung: Warum sollten KMUs überhaupt virtualisieren?

Das Rechenzentrum als Turbinenhaus

Ende des 19. Jahrhunderts wurde Strom lokal mit Generatoren oder Turbinen produziert und in kleine Inselnetze eingespeist. Als später ein flächendeckendes Hochspannungsnetz verfügbar wurde, haben die Fabriken ihre lokale Stromerzeugung aufgegeben und den Strom aus der Steckdose genutzt. Die Produktion von Strom in zentralen Kraftwerken war deutlich effizienter, da Skaleneffekte ausgenutzt und die Lastprofile der angeschlossenen Verbraucher teilweise ausgeglichen werden konnten. Ein weiterer Vorteil: Das Kapital der Unternehmen war nicht mehr in teuren Investitionen gebunden, sie konnten sich wieder voll auf ihre eigentliche Wertschöpfung konzentrieren.

Das Rechenzentrum ist das Turbinenhaus des frühen 21. Jahrhunderts. Die IT ist ein Wettbewerbsvorteil und in ihrer Not müssen die Unternehmen eigene Rechenzentren aufbauen und betreiben. Oder nicht?

Willkommen auf der Wolke

Das Versprechen von Cloud Computing ist, „jederzeit und überall bequem über ein Netz auf einen geteilten Pool von konfigurierbaren Rechnerressourcen zuzugreifen”. Diese Definition des NIST (National Insitute of Standards and Technology) ist etwas sperrig, griffiger ist: „Rechenleistung aus der Steckdose”. Jeder kann heute per Mausklick seine Server-Infrastruktur zusammenstellen. Alles, was man braucht, sind ein Internetzugang und eine Kreditkarte. Dass man damit mehr als eine temporäre klapprige Testumgebung bekommen kann, haben die Amazon Web Services (AWS) bewiesen. Hier wurde mit den jedermann verfügbaren Infrastrukturdiensten ein Supercomputer mit gut 26.000 CPUs zusammengestellt, der es in die Top-500-Liste der schnellsten Computer geschafft hat.

Milchmädchenrechnung

Die Top-Gründe für die Virtualisierung sind eine bessere Hardware-Auslastung und größere Flexibilität. Der Nutzen wird durch eine hohe Komplexität erkauft. Gerade für KMU geht diese Rechnung meist nicht auf. So stark kann man die Auslastung nicht optimieren, wenn man nur zwei Dutzend Server betreibt und alle Anwendungen ein sehr homogenes Lastprofil haben (z.B. täglich von 9:00 bis 17:00 Uhr, Hauptlast im Weihnachtsgeschäft). Auf den 1,5 Millionen Servern in den weltweit verteilten Rechenzentren von AWS gleichen sich die Lastprofile der Kunden viel besser aus.

Der Komplexität kann der Mittelstand mit vermeintlich einfacher zu bedienenden Systemen wie VMware begegnen. Aber trotz der teuren Tools begegnet der Betrieb neuen Herausforderungen. Leichter ist eben nicht gleich leicht. Für große Cloud Provider ist es kein Problem, auf Open Source zu setzen. Ein großes Team kümmert sich ausschließlich um die Virtualisierung. Amazon entwickelt selbst am Quellcode von Xen mit. Auch im Hardwareeinkauf und in der Energieversorgung kann ein großer Cloud Provider Skaleneffekte erzielen.

Die Zukunft ist hier

In der Umfrage meines Kollegen Johannes Rabl war die mehrheitliche Meinung, dass VMware die Zukunft gehört. Dabei ist die Zukunft längst da und selber zu virtualisieren ein teures Hobby der Ewiggestrigen. Die meisten großen Cloud Provider virtualisieren mit Xen (z.B. AWS, Google und GoGrid). Allein die größten drei kommen zusammen auf über vier Millionen Server. Ich schließe mich der Analyse insoweit an, als dass Open-Source-Virtualisierung nichts für den Mittelstand ist. Jedenfalls nicht im eigenen Rechenzentrum.

Es wird noch lange einen Markt für Dieselgeneratoren geben, z. B. für Forschungsstationen am Südpol oder im tiefsten Dschungel. Aber kein wirtschaftlich denkender Unternehmer eines KMU wird sich ohne Not vom öffentlichen Stromnetz abtrennen und auf Selbstversorgung umstellen. Warum sollte man also selber virtualisieren?

 

Bildquelle: Shutterstock

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