Willkommen in der Post-App-Welt!

Willkommen in der Post-App-Welt!

Wir stehen vor einer Wende: Nachdem die Anfangsphase des mobilen Zeitalters von den Apps dominiert wurde, schwindet deren Bedeutung nun immer weiter. Verantwortlich dafür sind neuartige, auf künstlicher Intelligenz basierende Systeme.

„There is an app for that“ – sicher erinnern Sie sich noch an diesen Slogan aus der Zeit, als die Smartphones ihren Siegeszug gerade erst angetreten hatten. Mit ihm bewarb Mobile-Pionier Apple 2009 das iPhone 3GS und die aus damaliger Sicht riesige Auswahl des App Stores. Spätestens nachdem sich in den Folgejahren die kostengünstigeren Android-Smartphones weltweit durchgesetzt hatten, war das App-Zeitalter in vollem Gange.

Doch genau diese Epoche neigt sich nun, keine zehn Jahre später, bereits ihrem Ende zu, denn wir bewegen uns zunehmend über die Grenzen einer reinen App-Welt hinaus. Eine Schlüsselrolle in dieser Entwicklung spielt die künstliche Intelligenz und darunter besonders sogenannte „Autonomous Agents and Things“, die vom Marktforschungsinstitut Gartner als einer der Top 10 Technology Trends 2016 identifiziert wurden.

Autonomous Agents and Things

Was können wir uns unter diesen autonomen Agenten und Dingen vorstellen? Sie basieren auf verschiedensten Machine-Learning-Methoden und übernehmen eigenständig und zentral komplexe Aufgaben, die vorher manuell von Menschen oder einer Vielzahl einzelner Computerprogramme bzw. Apps durchgeführt wurden. Das wohl bekannteste und bereits praxiserprobte Beispiel hierfür sind virtuelle Helferlein wie Siri, Cortana oder Google Now.

Diese sind im Laufe der letzten Jahre immer schlauer geworden und verfügen mittlerweile sogar über umfassende semantische Fähigkeiten. Die virtuellen Assistenten lernen mehr und mehr, wie wir Menschen zu denken und auch komplexe Zusammenhänge richtig zu interpretieren – sie werden immer autonomer. Wie sonst könnte Siri unsere Frage „Brauche ich morgen einen Regenschirm?“ als eine abgewandelte Version von „Wie wird das Wetter morgen?“ verstehen und uns umgehend die passende Antwort liefern? Und wie sonst hätte ein IBM-Computerprogramm eine bekanntlich von menschlichen Wortspielen und Scherzen dominierte Quizshow wie Jeopardy gewinnen können?

Nehmen wir als Beispiel einmal Microsofts virtuelle Assistentin Cortana, die relevante Informationen aus den installierten Apps zusammensucht und dem Nutzer auf Wunsch gesammelt präsentiert. Systeme wie sie entwickeln sich immer mehr zu einer zentralen Anlaufstelle im User Interface. Der Nutzer muss sich nicht mehr eigenständig durch den App-Dschungel kämpfen, er muss keine Menüs mehr durchforsten und keine Knöpfe mehr drücken. Stattdessen genügt es, mit dem eigenen Smartphone wie mit einem Menschen zu sprechen, während die autonomen Agenten im Hintergrund schuften und sich die benötigten Informationen von dem Ort holen, wo sie abgespeichert sind. Willkommen in der Post-App-Welt!

Die treibenden Kräfte der Post-App-Welt

Google gilt als eine der treibenden Kräfte hinter dem Konzept einer solchen Post-App-Welt – und zwar nicht nur aufgrund des Sammelsuriums an unternehmenseigenen intelligenten Systemen wie Google Now oder den medienwirksamen selbstfahrenden Autos. Vielmehr liegt das Engagement des Unternehmens in strategischen Überlegungen begründet. „In an app world, Google is nothing“, konstatiert Alex Austin vom Deep-Linking-Unternehmen Branch Metrics und hat damit nicht ganz unrecht: Wie soll Google auch Einnahmen generieren, wenn der Smartphone-Nutzer seine App-Sammlung eigenständig nach den gewünschten Inhalten durchforsten muss und somit quasi selbst zur Suchmaschine wird?

Um dieses Dilemma zu überwinden, präsentiert Google gleich zwei Lösungsvorschläge: Einer besteht darin, Apps künftig wie Webseiten zu behandeln und in den mobilen Suchindex aufzunehmen – SEO-Experten bezeichnen diese Strategie als App Indexing und Deep Linking. Mit ihrer Hilfe beabsichtigt Google, zu einem Bindeglied zwischen sowohl installierten als auch (noch) nicht installierten Apps zu werden und diesen somit zu einem gewissen Grad ihre eigenständige Bedeutung abzusprechen. Der zweite Lösungsvorschlag ist die Funktion Google Now on Tap, die mit Android 6.0 „Marshmallow“ auf die ersten Smartphones gebracht wird. Sie ermöglicht dem Nutzer, aus installierten Apps heraus kontextbasierte Suchanfragen zu starten und die dargestellten Inhalte durch Zusatzinformationen anzureichern. Gleichzeitig wird so ein lückenloser Übergang von App zu App geschaffen.

Post-App oder Über-App?

Wenn wir von einer Post-App-Welt sprechen, meinen wir damit keineswegs eine Welt, in der Apps vollkommen verschwunden sind. Vielmehr wird die reine Bedeutung der kleinen Programme in naher Zukunft immer weiter abnehmen und sie werden die Nutzung der mobilen Geräte nicht mehr dominieren – all dies bedingt durch die von Gartner beschriebenen „Autonomous Agents and Things“. Spannend bleibt indes, wie diese Agenten wohl aus technischer Sicht implementiert werden: Werden wir es mit intelligenten Betriebssystemen zu tun haben oder werden wir vor der Wahl zwischen verschiedenen Über-Apps stehen, die einen Überblick über die App-Landschaft schaffen?

 

Bildquelle: Shutterstock

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